Valentina Hirsch/Pixelmacher im TrueGamer-Interview

TrueGamer.de bekam die Möglichkeit mit Valentina Hirsch, Redaktionsleiterin der Videospielsendung Pixelmacher, ein Interview zuführen. Natürlich nutzten wir diese Gelegenheit. Nach dem Klick gibt’s Interessantes, Wissenswertes und Lustiges aus der Welt der Videospiele von Valentina Hirsch.

 
Pixelmacher im TrueGamer-Interview

Doch bevor es losgeht, hier noch einen kleinen Auszug aus der Vita von Valentina Hirsch: Valentina Hirsch studierte “was mit Medien” in Frankfurt: Germanistik, Historische Ethnologie und Europäische Kulturanthropologie. Im Volontariat bei SAT1 hat sie angefangen, sich speziell um Videospiel-Themen zu kümmern. Nach dem Volontariat folgte ein Jahr beim SWR Fernsehen und im Anschluss war sie 10 Jahre Redakteurin für das Technik-Magazin “neues” in 3sat. Seit einem Jahr arbeitet sie für Pixelmacher, einem Magazin für Videospielkultur, das auf einem der digitalen Kanäle des ZDF läuft: ZDFkultur. Außerdem betreibt sie privat ein Weblog für Videospielkultur.
 
1) Kannst du uns bitte was zu deinem beruflichen Werdegang sagen.

Ich habe bei einem Privatsender ein Volontariat absolviert und in der Redaktion eines täglichen Nachrichten-Magazins gearbeitet. Irgendwann im Laufe des Volos kam dann die Idee auf, eine Videospiel-Rubrik einzuführen. Den Auftrag dazu bekam ich. Das war der Start für mich, sich journalistisch mit Spielen zu beschäftigen. Vorher wars nur ein Hobby. Über diese Games-Rubrik bin ich dann bei 3sat gelandet, beim Technik-Magazin „neues“. Dort wurden neben allen möglichen Technik-Themen auch regelmäßig Spiele vorgestellt und Hintergrundberichte zu Games-Technologien gemacht. Letztlich mündete das dann in die Entstehung von Pixelmacher, das Videospiel-Kultur als Hauptthema hat.
 
2) Mit welchen Konsolen/Games bist du aufgewachsen und welche Spiele haben dich geprägt?

Mein Bruder und ich waren nicht gerade verwöhnt, was die Verfügbarkeit von Videospiel-Konsolen oder Handhelds betraf. Wir waren genau genommen sogar unter strenger TV- und Medien-Zensur ;-) Wir durften eher wenig fernsehen und nur was meine Mutter für anspruchsvoll und wertvoll genug hielt. Aber natürlich haben wir bei Freunden gespielt. Irgendwann hat mein Bruder dann einfach von seinem Taschengeld einem Schulfreund einen Gameboy abgekauft. Das hat meine Mutter dann zum Glück doch milde hingenommen. Darauf habe ich vor allem Tetris gespielt, bis zum schlafengehen und solange, bis ich mit geschlossenen Augen noch fallende Klötzchen gesehen habe. Später kam dann ein Amiga 500 dazu, weil man mit dem ja auch „Hausaufgaben erledigen“ könne. Die wohl in aller Unschuld meist ausgesprochene Lüge aller Jugendlichen. Darauf habe ich dann Zak McKraken gespielt, Sim City und Populous. Immerhin habe ich noch in den ersten Semestern an der Uni das ein oder andere Referat darüber geschrieben, insofern leistete der Amiga dann doch noch sowas ähnliches wie Hausaufgabenhilfe.
 
3) Videospiele im TV sind eine Seltenheit – mal abgesehen von Game One. Wie kam es zu „Pixelmacher“ und was soll die Sendung vermitteln?

Tatsächlich sind Videospiele im Kulturbereich klar unterrepräsentiert. Als wir erfuhren, dass aus dem ZDF Theaterkanal ein (Pop-)Kulturkanal werden sollte, dachten wir spontan, super, und haben relativ schnell ein kurzes Konzept eingereicht. Wir haben für das Technik-Magazin „neues“ in 3sat immer auch über Spiele berichtet. Wir hatten jede Menge Material, Themen, und spannende Interviewpartner – aber oft nur 3 bis 4 Minuten Raum in der Sendung. Zunächst dachten wir einfach, wir können daraus eine kleine Reihe machen, jedes mal mit einem bestimmten Thema oder interessantem Gesprächspartner. Die Programmgestalter haben da absolut positiv reagiert und sofort gesagt: Ja, wir wollen das Thema, aber baut euer Konzept aus. Außerdem wollte man auch Netzkultur-Aspekte unterbringen. Daraufhin haben wir nochmal ganz neu gedacht und alle möglichen Ideen gesammelt. Das hat man zu Beginn auch gemerkt, da war vieles einfach noch unausgegoren, sehr experimentell. Wir mussten erst mal eine Linie finden. Nach einem guten Jahr auf dem Schirm können wir das viel genauer eingrenzen. Pixelmacher ist ein Magazin für Videospielkultur in allen Ausprägungen. Wir versuchen, immer eine klare Haltung einzunehmen, egal worum es geht. Wir lieben Videospiele in all ihrer Unterschiedlichkeit. Sei es handgemachte Pixel-Art, Indie-Spiele, glorios inszenierte Shooter, Trash-Kultur aus Japan oder Monster-Metzeleien. Konkret sieht das so aus, dass wir uns ein Schwerpunktthema suchen, um es dann in verschiedenen Beiträgen zu vertiefen. Das kann mal das Thema „Liebe“ sein, bei dem wir uns zum Beispiel mit Dating Sims beschäftigt haben, die Macher melancholischer Indie-Games wie „Where is my heart“ trafen und einen französischen Videospiel-Verlag namens „Pix’nLove“ vorgestellt haben. Wir wollen auch aktuelle Themen und Diskussionen im Auge behalten, uns aber nicht allein von den Release-Terminen der Blockbuster die Themenplanung diktieren lassen. Uns geht es darum, einfach mehr über den Tellerrand hinausschauen.
 
4) Welche Probleme gab es Anfangs bei der Sendung? Schließlich will man ja niemanden vor den Kopf stoßen, jedoch auch unverkrampft über Videospiele berichten. Gerade das Thema „Gewalt in Spielen“ polarisiert ja gerne.

Wir wollen vor allem auf Augenhöhe berichten, also nicht den „Erklärbär“ geben. Wir wollen Spiele als selbstverständlich in unserer Gesellschaft stattfindendes Medium behandeln. Bei „neues“ haben wir mal eine gesamte Sendung schwerpunktmäßig mit dem Thema Gewalt & Spiele gemacht, beispielsweise Studien vorgestellt, die den immer wieder beschworenen Zusammenhang widerlegen oder zumindest sehr kritisch sehen. Bei Pixelmacher halten wir das nicht für nötig. Wir müssen unseren Zuschauern so etwas nicht erklären. Wir müssen das Medium nicht von irgendwelchen Vorurteilen freisprechen, wir behandeln es einfach selbstverständlich. Natürlich kann man über Gewalt in Spielen oder den Umgang mit bestimmten Themen diskutieren. Die Flughafen-Szene in Modern Warfare 2 wäre so ein Thema – damals waren wir noch nicht auf dem Schirm. Das wurde von den Spielern und den Spiele-Journalisten ja auch diskutiert und das ist auch gut so. Aber zurück zum Anfang: Wir sind wie gesagt mit einem Sammelsurium von Ideen an den Start gegangen. Einige Schwachstellen waren uns bewusst, andere haben wir nicht so gesehen. Wir wussten beispielsweise, dass die ersten Sendungen nicht mit den aller aktuellsten Spielen bestückt sein würden und dass das mit Sicherheit kritisiert werden würde. Aber wir mussten wir für die ersten Sendungen einfach relativ weit im voraus produzieren. Man muss ja erstmal einige Sendungen machen, wenn so ein Format ganz neu an den Start geht. Was uns weniger bewusst war, war dass unser lockerer Ton in Moderationen und Beitragstexten eher so rüberkam, als würden wir das Medium nicht ganz ernst nehmen oder als bunten Spielkram abtun. Wir haben dann nach und nach eine bessere Mischung gefunden, uns aktuellen Themen zu widmen, aber auch mal unbeachtete Themen auszugraben, die wir für spannend hielten. Wir haben viel Feedback bekommen – sogar überraschend viel. Und es waren neben Kritik sehr viele konstruktive Vorschläge. Wir haben vor allem gemerkt, dass wir zu Beginn den zweiten vor dem ersten Schritt versucht haben: Nämlich auch die weniger Spiele-affine Menschen mitzunehmen. Aber natürlich muss man erst mal die Spiele-interessierte Zuschauerschaft überzeugen. Alle anderen lassen sich durchaus auch überzeugen, wenn etwas originell gemacht ist und überzeugen kann.
 
5) Zwar sind Videospiele offiziell als Kulturgut anerkannt, so ganz scheinen sie in Deutschland aber immer noch nicht akzeptiert – siehe die Aufregung Deutscher Videospielpreis 2012-Gewinner Crysis 2. Wie nimmst du Videospiele im Alltag wahr und wie ist die Reaktion deiner Umgebung/deines sozialen Umfeldes?

Ich würde sagen, dass ist vieles schon sehr viel selbstverständlicher geworden. Und gerade der Beinah-Aufreger Deutscher Videospiel-Preis ist ein Beleg dafür. Da haben zwar die üblichen Verdächtigen die üblichen Kritikpunkte geäussert, aber es kam ja sofort Gegenwind aus dem gleichen Lager und überhaupt sehr viele unaufgeregte Stimmen. Da war das Thema doch recht schnell erledigt. Den Deutschen fehlt auch einfach ein bisschen das Hedonistische, reine Unterhaltung wird hierzulande schnell mal als nicht ernstzunehmen abgehandelt. Und Videospiele werden mehrheitlich als pure Unterhaltung eingestuft und vielleicht deswegen tendenziell kritisch beurteilt. In anderen europäischen Ländern hat man da weniger Berührungsängste und geht auch mit Themen viel selbstverständlicher um, die hier schnell als Trash ohne Anspruch abgetan werden, beispielsweise Horrorfilme. Das hat möglicherweise auch historische Gründe. Aber ich habe schon den Eindruck, dass sich das langsam ändert. Mit Comics war es ja früher nicht anders. Es hat lange gedauert, bis sie auch hierzulande als eigene literarische Gattung, als „Graphic Novel“ behandelt wurden.
 
6) Der Videospielmarkt ist heiß umkämpft und Hersteller setzen lieber auf Bewährtes, als neue Marken zu etablieren. Welche drei Spiele würdest du empfehlen, die aus der Masse hervorstechen?

Wenn du ganz aktuell angekündigte Spiele meinst: Aktuell fand ich Watch Dogs von Ubisoft ein sehr vielversprechendes Spiel: Es greift aktuelle Themen auf und scheint spannende Gameplay-Ansätze zu haben, nämlich die Möglichkeit, mit der ganzen Technik in der Spielwelt interagieren zu können. Ansonsten fallen mir zur Zeit eher keine ganz aktuellen Titel ein. Und oft schaue ich doch mehr auf Titel, die nicht so die typischen Blockbuster sind. Ich mochte Tim Schafers „Stacking“ sehr gerne, ein XBLA/PSN-Titel, den ich nur empfehlen kann. Schräger Humor, witzige Action und die Idee mit den Stapel-Puppen ist sehr charmant. „Where is my heart“ (PSN) oder „FEZ“ (XBLA) haben mir auch gut gefallen. Es darf aber auch gerne mal bunter Trash sein, wenn es gut gemacht ist: Lollipop Chainsaw zum Beispiel, fand ich ziemlich witzig. Es gibt zwar zur Zeit sehr viel mehr Masse, als Klasse, trotzdem sind es immer noch zu viele gute Spiele für zu wenig Zeit, da draußen :-)
 
7) Nintendo eröffnet Ende 2012 eine neue Runde im großen Konsolenkampf. Wie ist deine Meinung hinsichtlich WiiU?

Ich bin unsicher: Schwer zu sagen, wie die Sache mit diesem Tablet-Controller funktionieren wird. Nicht alles erscheint mir bislang  so vielversprechend. Es gibt zwar ganz spannend aussehende Trailer, wie „Zombie U“, aber ob das Spielen mit zwei Displays nicht auf Dauer nervig ist, lässt sich zur Zeit nicht abschätzen. Nintendo gibt sich ja auch alle Mühe, möglichst wenig Einblicke zu gewähren bzw. nur das, was sie für wichtig halten. Auf der E3 gab es kaum Daten zur Wii U, auf der Gamescom wird es auch nichts geben.
 
8)  Zu guter Letzt: Was möchtest du unseren Lesern noch mitteilen? Einfach was dir zum Thema „Videospiele“ auf dem Herzen liegt.

Ich würde mir wünschen, dass man irgendwann Schluss damit macht, Spieler in „Hardcore-Zocker“ und „Casual-Gamer“ einzuteilen. Wenn wir wollen, dass Spiele als Kulturgut ernst genommen werden, dann müssen wir damit womöglich erst mal bei uns selbst anfangen.
 
Vielen Dank für das Interview!

Und wer jetzt Lust bekommen hat, sich die Sendung Pixelmacher anzuschauen, findet in der ZDF Mediathek aktuelle Folgen. Viel Spaß, es lohnt sich!

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