Retro

Nachgeladen: Zur Abkühlung auf die Scholle

Juli. Die Sonne brennt unerbittlich. Während die Netzteil- Grafikkarten- und CPU-Lüfter auf Hochtouren laufen und der ein oder andere Konsolenbenutzer seinen teuren Boliden schonen will, lechzen wir alle doch nach Abkühlung und Erfrischung. Vielleicht aus einer Zeit, als wir uns noch keine großen Sorgen um Überhitzung der Hardware machen mussten. In der Rubrik „Nachgeladen“ werfe ich darum einen Blick auf mehr und weniger bekannte Spieleklassiker der 8-Bit-Ära. Zur Abkühlung verschlägt es mich gleich zu Beginn der Serie auf eine Scholle in der Arktis.

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Wenn ein Schiff kentert und die letzte Rettung für die Überlebenden auf einer Eisscholle ein Mammut sein sollte, stimmt so einiges nicht. Zumindest im richtigen Leben. Im Spiel ist alles möglich. Und so verschlägt es eine Gruppe Schiffbrüchiger auf eine arktische Scholle, die im Wellengang auf und ab schwappt und somit droht, auf kurz oder lang alle Überlebenden ins eiskalte Wasser zu befördern – wenn, ja wenn da nicht das große schwarze Mammut wäre, das durch sein Gewicht und durch schnelles Reagieren auf das Heben und Senken der Scholle die Balance des fragilen Eisbrockens hält. Das ist unser Job als Spieler. Im Hintergrund zieht währenddessen langsam Rettung in Form eines Schiffs über den Bildschirmrand. Erreicht es die linke obere Ecke des Screens und wir haben noch Überlebende zu verzeichnen, gibt es Punkte und das nächste Level. Zwischenzeitlich versucht auch ein riesiger Greifvogel, den ein oder anderen Gestrandeten zu packen und in sein Nest zu schleppen – vermutlich, um ihn an seinen Nachwuchs zu verfüttern. Eine grausige Vorstellung, die wir verhindern sollten, indem wir rechtzeitig zum Vogel laufen und ihn damit verjagen. Aber Vorsicht: Manchmal kann es sinnvoller sein, sich gegen die Rettung eines Einzelnen zu entscheiden, wenn durch die dafür nötige Gewichtsverlagrung die Scholle weitaus mehr Männer in die eiskalten Fluten stürzen lassen würde.

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Arctic Shipwreck erschien 1983 für den Commodore 64 und stammt aus Ungarn. Die für damalige Verhältnisse gute Grafik, vor allem der Pseudo-3D-Effekt des Eisbergs, war eigentlich dem Versuch geschuldet, einen Flugsimulator für den 8-Bit-Computer zu schreiben, wie der Programmierer, Viktor Toth, auf seiner Webseite erläutert. Bei Commodore wollte niemand so recht daran glauben, dass der kleine Rechner dazu in der Lage wäre – Toth und sein Team um Fahrenheit 451 Software überzeugten sie vom Gegenteil. Erst einige Jahre später erschienen die ersten Flugsimulationen mit einem beweglichen Horizont, die aus der Egoperspektive geflogen wurden. Die Entwickler von Fahrenheit hatten Pionierarbeit geleistet.

Doch was macht das Spiel so interessant? Es ist nicht die krude, aber sympathische Grafik und auch nicht der eher spärlich-funktionale Sound. Es ist das Spielprinzip: Schnell zu lernen aber hart zu meistern, bietet Arctic Shipwreck immer wieder eine neue Herausforderung und macht jedes Mal genauso viel Spaß wie beim ersten Anspielen. In der heutigen Zeit, in der Casual Games ihre bisherige Hochphase feiern, ist es daher vielleicht keine schlechte Idee, einen Blick zurück zu werfen auf gute Spielideen, die auch heute noch einwandfrei funktionieren. Selbst, wenn man dazu in die Rolle eines Mammuts schlüpfen muss. Auf einer Eisscholle.

Ein Gedanke zu „Retro | Nachgeladen: Zur Abkühlung auf die Scholle“

  1. Ein schöner Text über ein mir bis dato unbekanntes C64-Spiel. Die Rubrik „Nachgeladen“ finde ich eine sehr gute Idee, vergessene Klassiker (am liebsten nicht die „Gassenhauer“) einmal vorzustellen. Die Auswahl an 8-Bit Heimcomputerspielen ist nahezu unendlich und die allermeisten der kleinen Titel, werden sicher bereits in Vergessenheit geraten sein. Gerade diese Spielideen unter die literarische Lupe zu nehmen lohnt sich. Vielen Dank Boris!

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