Interview

Ein Tagebuch über Videospielgeschichten

André Eymann hat, wie viele andere auch, seine ersten Spielerfahrungen mit Atari gemacht. Als er seine Leidenschaft für die “alten Kisten” wiederentdeckte, wurde daraus eine Webseite, auf der heute unter anderem bekannte Autoren wie Constantin Gillies oder Heinrich Lenhardt Texte über Ihre Videospielerfahrungen schreiben; sozusagen ein Tagebuch für Videospielgeschichten. Wir sprachen mit André über den Weg dorthin, mögliche Pläne für die Zukunft und den Reiz, eigene Spielerfahrungen zu teilen.

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Sogar die Videospieljournalismus-Legende Heinrich Lenhardt veröffentlicht Texte auf Videospielgeschichten.de und erinnert sich dabei an das Jahr 1984, in dem „Raid over Moscow“ erschienen ist.

TrueGamer: “Videospielgeschichten.de” ist keine klassische “Retro”-Webseite. Hier findet man nicht das x-te Review eines Spieleklassikers, sondern sehr subjektive Erfahrungsberichte. Du schreibst auf der Seite, es gehe um das Festhalten “der persönlichen und zeitlosen Erinnerungen […], die von den Spielen und ihrer Kultur begeistert und geprägt worden sind.” Wie hat das eigentlich alles angefangen und wie kamst du auf die Idee?

André: Angefangen hat alles an einem schönen Sommertag auf dem Leine-Flohmarkt in Hannover. Es muss 1998 gewesen sein, als ich dort zwischen den üblichen Flohmarkt-Offerten eine Atari 2600 Junior Spielkonsole entdeckt hatte. Das Spiel Donkey Kong lag dem Gerät bei und sowohl Konsole als auch Zubehör waren in einem bedauernswerten Zustand. So wurde kurz verhandelt und wir einigten uns auf den erfreulich niedrigen Kaufpreis von 15 DM. Zuhause wurde das Gerät an den Röhren-TV angeschlossen. Der kleine Atari funktionierte auf Anhieb. Sofort war ich wieder im Videospiele-Wunderland. Genau wie in meiner Kindheit. Dazu muss ich erläutern, dass ich mich in den Jahren vor 1998 kaum mit klassischen Videospielen beschäftigt hatte. Man könnte also sagen, dass Mario und Donkey Kong mich “zurückgeholt” haben; in meine zweite Kindheit.

Kurze Zeit später habe ich aufgrund meiner neu entfachten Leidenschaft eine Seite ins Netz gestellt, die gescannte Atari VCS Spielanleitungen zum Download angeboten hatte. Die Anleitungen haben mich aufgrund ihrer schönen Illustrationen und teils skurrilen Spielbeschreibungen fasziniert. Auf meiner Seite gab es bereits vereinzelt Texte über Videospiele. Der erste Text überhaupt war über den Activision-Klassiker Pitfall! und stammte von Guido Frank, den ich damals über meine Anleitungsseite kennengelernt habe.

Aus der Sammelleidenschaft für die Anleitungen wurde über die Jahre eine Leidenschaft für das Schreiben über Videospiele. Und 2009 wurde Videospielgeschichten.de ins Leben gerufen und ich konzentrierte mich fortan nur noch auf das Schreiben und Herausgeben von Texten über Video- und Computerspiele.

TrueGamer: Was macht eigentlich den Reiz von Videospielgeschichten aus, oder anders gefragt: Was macht die Spielerfahrung der anderen so spannend?

André: Ich denke der Reiz liegt darin, dass die persönlichen Geschichten eine Verbindung – ein Band – zwischen dem Autor und dem Leser herstellen. Die Spielerlebnisse, aber auch das gesellschaftliche Umfeld (bsp. Musik, Medien oder Elternhaus) in dem sie stattgefunden haben, werden geteilt. Oft kann man sich wieder erkennen und hat so das Erlebnis “Teil von etwas großem sein” zu sein.

Bei Lesen kann man meist eine schlüssige Geschichte nachvollziehen und “fiebert” mit dem Autor mit bzw. geht mit ihm auf seine ganz spezielle Reise in die Erinnerungswelt. Und wenn man das Spiel oder das Gerät nicht kennt, über das berichtet wird, bekommt man die Möglichkeit etwas Neues zu entdecken. Über einen Erfahrungsbericht der weit über eine objektive und rein sachliche Beschreibung hinausgeht.

Wir sind das Gegenteil eines Lexikons. Wir sind der Essay, der Videospiele und ihre Kultur aus Sicht der Spieler oder Macher betrachtet.

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Beim Schreiben und Veröffentlichen werden die Klassiker immer wieder auf der Originalhardware unter die Lupe genommen. So entstehen authentische Texte und Geschichten.

TrueGamer: Unter den Autoren auf der Seite sind auch einige prominente Vertreter der damaligen Zeit zu finden, unter anderem der ehemalige Atari-Deutschland-Geschäftsführer Klaus Ollmann (der sogar exklusiv für euch schreibt), die ehemalige Atari-PR-Frau Renate Knüfer oder auch Wolfgang Taschner vom Magazin “HC – Mein Home-Computer”. Die Liste ist noch ein wenig länger. Wie hast du diese Leute ausfindig gemacht und wie waren jeweils die ersten Reaktionen auf deine Anfrage in Bezug auf Videospielgeschichten.de?

André: Der Kontakt zu Klaus Ollmann ist über Guido Frank entstanden. Soweit ich es weiß gibt es diese Verbindung bereits seit mehreren Jahren und im Laufe der Zeit hat Guido immer wieder spannende Berichte von ihm erhalten. Klaus Ollmann hat von sich aus berichtet und uns seine Geschichten zukommen lassen. Wir sind natürlich sehr froh, dass er seine wertvollen Erinnerungen exklusiv bei uns veröffentlicht hat. Sie geben einen unverfälschten Einblick in die Pionierzeit der deutschen Videospiele-Industrie und wurden so noch nirgends niedergeschrieben. Besonders für die heimischen Atari-Interessierten der ersten Stunde sind seine Artikel ein unschätzbares Zeitzeugnis.

Der Kontakt zu Renate Knüfer geht ebenfalls auf Guidos Konto. Ihre Erinnerungen sind ebenfalls von einem großen Wert für uns. Denn als PR-Managerin in den “Goldenen Tagen” von Atari berichtet sie über die Marketing-Hintergründe und -Zusammenhänge unserer jungen Videospielgeschichte.

Den Kontakt zu Wolfgang Taschner habe ich recherchiert und dann gemeinsam mit ihm ein Interview geführt. Meine Anfrage zu einem Interview wurde unmittelbar positiv aufgenommen. Und dabei hat mich nicht nur das ehrliche Resultat, sondern vor allen Dingen die Bereitwilligkeit und Leidenschaft für das Detail von Wolfgang Taschner begeistert.

Ich war selbst mit 13 Jahren Leser seiner Zeitschrift “HC – Mein Home-Computer” und durfte nun den Macher dieses Magazins interviewen! Das war für mich ein tolles Gefühl. Und dass mein Interviewpartner ebenfalls noch immer gern diese Zeit zurückdenkt und den Wert des Erlebten mit mir teilt, hätte ich nie gedacht.

Natürlich freue ich mich über die Texte, die wir gemeinsam mit den deutschen “Spieleveteranen” veröffentlicht haben. Winnie Forster, Heinrich Lenhardt oder Boris Schneider-Johne sind Redakteure die ich regelmäßig in meiner Jugend gelesen hatte und deren Entwicklung mich auch heute noch interessiert. Sie gehören für mich zu den Pionieren des deutschen Spielejournalismus und bereichern meine Seite mit einem unschätzbaren Wert.

Es gab aber im Laufe der Jahre immer wieder auch Erlebnisse, die nicht so ergebnisreich endeten. Manche Kontakte verliefen nach dem ersten Schriftwechsel im Sande, weil es keine weiteren Rückmeldungen mehr gab. Das gehört eben auch zur Recherche. Man weiß nie was am Ende erreicht wird. Und obwohl ich es schade finde, so kann ich verstehen, dass es dafür Gründe geben mag.

TrueGamer: Gibt es vielleicht besonders nette Anekdoten, die du im Gespräch mit der ein oder anderen Legende bisher vor der Öffentlichkeit zurückgehalten hast?

André: Natürlich kommen in den Interviews immer wieder Details zur Sprache, die wir aus verschiedenen Gründen nicht wiedergeben. Ich finde Deine Frage journalistisch nachvollziehbar, werde mich aber an meine “Schweigepflicht” halten. Insofern kann ich hier leider nicht erzählen, was Steven Spielbergs Frau dem Klaus Ollmann damals ins Ohr gesäuselt hatte. Ach Quatsch, da war gar nichts. Ich mache nur Spaß :-)

TrueGamer: Wenn du dir drei Videospiel-Urgesteine aussuchen könntest, wen würdest du gerne noch für einen Gastbeitrag oder ein Interview gewinnen – und warum?

André: Da würde mir zunächst Winnie Forster einfallen. Zwar hat Guido 2010 bereits ein Interview mit ihm veröffentlicht, aber mich würde hier noch etwas anderes interessieren. Winnie hat für mich immer eine besondere Bedeutung, weil er am britischen Spielemarkt interessiert war und die damalige Szene dort verfolgte. Deutschland war Commodore 64 Land und hierzulande drehte sich alles um den Brotkasten. Ich aber bin mit dem ZX81 großgeworden hatte deshalb ein Interesse an Sinclair Computern. Und von Winnie weiß ich, dass er sich in seiner Jugend an Englands Südküste in den Arkaden vergnügt hatte und sich mit Spielen auf dem ZX Spectrum auskannte. Über eben diese Zeit von ihm, würde ich lieben gern mehr erfahren. Wie hat man aus deutscher Sicht den englischen Markt gesehen und was hat das für einen deutschen Spieljournalisten bedeutet?

Auch mit Fritz Schäfer, dem ehemaligen Geschäftsführer des deutschen Publishers Kingsoft würde ich gern einen Artikel machen. Kingsoft gehört zur urdeutschen Spielegeschichte und viele 264er User von damals (Heimcomputer C16, C116 und Plus/4) haben dem Unternehmen aus Roetgen und später Aachen viel zu verdanken. Ich bin mir sicher, dass Herr Schäfer interessante Details über Kingsoft erzählen könnte und dass sich viele Leser dafür interessieren würden.

Mir fallen auch ein paar Namen aus der deutschen Spieleliteratur ein. Zum Beispiel Lukas Stock von der HCA (Home Computer Aktiv) oder Ralph Roeske vom Tonic Verlag (Homecomputer, Computronic). Die Heimcomputerzeitschriften finde ich deshalb interessant, weil die dort enthaltenen Reportagen und Berichte ein aus heutiger Sicht unverfälschtes Zeitzeugnis sind.

Außerdem sind diese Zeitschriften das Fundament unser heutigen IT-Industrie, indem sie etlichen Jugendlichen, über das Abtippen von BASIC-Listings, den Weg zur Informatik ebneten.

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Heimcomputerzeitschriften von damals sind ein unschätzbares Zeitzeugnis und sind prall gefüllt mit Informationen zu klassischen Systemen und Spielen.

TrueGamer: Extraleben-Autor Constantin Gillies und Happy-Computer-Urgestein Heinrich Lehnhardt zählen (neben einigen anderen) zu euren Gastautoren und liefern subjektive Einblicke in ihre Spielvergangenheit. Was ist es für ein Gefühl, diese recht bekannten Namen für das Projekt gewonnen zu haben?

André: Dass ich Heinrich und Constantin für Videospielgeschichten.de gewinnen konnte, freut mich natürlich sehr. Beide sind übrigens nicht nur Profi-Autoren, sondern auch sehr freundliche Kontakte. Heinrich hatte ich über seine Webseite kontaktiert, kurz bevor er sein Buch “Lenhardts Spielejahr 1984″ herausbrachte. Er hatte sich umgehend gemeldet und wir haben dann ein gemeinsames Feature zu seinem Buch gemacht. Constantin, den ich selbst seit einigen Jahren lese, habe ich bei Twitter kennengelernt. Dabei haben wir entdeckt, dass wir beide eine Leidenschaft für das Videospiele-Buch “Phoenix: The Fall & Rise of Videogames” von Leonard Herman teilen.

TrueGamer: Gibt es zeitliche Einschränkungen dahingehend, welche Konsolen- und Computererlebnisse auf der Seite veröffentlicht werden? 8-Bit, 16-Bit oder mehr – wo ziehst du die Grenze, was kann rein, was fällt raus?

André: Ich würde sagen, die Grenze wird weniger an den Technologien (egal wie viel Bits) oder zeitlichen Einschränkungen in Jahren festgemacht, sondern eher an der Art der Texte. Videospielgeschichten.de ist kein aktuelles Review-Magazin, das brandneue Titel klassifizieren will. Überhaupt wollen wir nicht objektiv bewerten. Wir leben in einer Nische, die erfreulicherweise mit uns wächst. Was für mich Retro ist – Atari VCS, ColecoVision und Heimcomputer – ist für die nachfolgende Generation eben SEGA, SNES, PSOne oder neuere Systeme. Gleichwohl teilen wir ähnliche Gefühle für Videospiele und schätzen einander sehr. Rein kann also fast alles, was sich persönlich mit Videospielen auseinandersetzt und was dem Leser Leidenschaft oder Begeisterung vermitteln kann. Mit anderen Worten: die Texte sollten subjektiv und nah am Stoff sein.

TrueGamer: Wer kann bei Videospielgeschichten.de schreiben – und warum lohnt es sich, die eigene Spielerfahrung zu teilen?

André: Bei uns kann grundsätzlich jeder schreiben, der sich bei uns wiederfindet. Mir ist es wichtig, dass jeder Autor seine Texte unverfälscht und unzensiert veröffentlichen kann. Manchmal ist das Schreiben ein einmaliges Bedürfnis des Autors. Oft aber werden auch mehrere Texte von einem Autor veröffentlicht. Durch unsere Kommentar-Funktion kann jeder Artikel kommentiert werden. Dabei werden nicht selten Ergänzungen, Hinweise oder Klarstellungen vorgenommen.

Warum es sich lohnt die Spielerfahrung zu teilen? Nun ich würde sagen, bei uns kann der Welt etwas hinterlassen werden. Aus persönlicher Sicht. Videospielgeschichten.de könnte man vielleicht als ein “Tagebuch für Geschichten über Videospiele” beschreiben. Ein Online-Tagebuch das von vielen Menschen geteilt wird. Und in dem man Teil von etwas Gemeinsamen ist. Der Erinnerung an großartige Spiele und deren Spielkultur.

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